Notizen

Geschützt: 11. Dezember 2017 // Kein Kommentar

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Geschützt: 8. Dezember 2017 // 43 Sekunden

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4. November // Betreff: –

Letzte Woche durch komische Umstände in den uralten Posteingang eingeloggt. Hunderte ungelesene Mails. Darunter auch eine von K. Huch. Gesendet im Mai. Huch². Schon eine Weile her. Letztendlich nur ein Satz: ein Zitat von früher. Zuerst denke ich, dass sie ein paar wahnsinnige Minuten hatte, aber dann sehe ich: gesendet um 21:20 Uhr. Wahnsinn kommt nur nach Mitternacht und ich komme zu dem Schluss, dass sie die falsche Mailadresse verwendet hat und dass die Nachricht eigentlich zu jemand anderem sollte, wobei mir nicht ganz klar ist, zu wem. Wie auch immer – die falsche Mailadresse hatte sie so oder so. Ich antworte also. Sie auch. Dann wieder ich. Wieder sie. Ich. Und dann: wieder Ruhe im Karton.

Ich registriere: sie fehlt. Ich ahne: ich nicht. Und dann erinnere ich mich wieder an damals und auch daran, warum ich ging. Sie war meilenweit voraus und ich nur ein Schatten. Sie lief, ich lag. Wir stolperten nicht mehr zusammen. Sie hatte es geschafft und ich … nicht. Sie hatte neue Freunde gefunden. Freundinnen. Anders als ich. Besser. Für sie.

Sie war wütend am Telefon, weil ich blöde Texte schrieb. Sie las mir Sachen von Kathrin Weßling vor. So müssen Texte klingen sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Mir kam es vor wie das Ende der Welt. Ich saß auf dem Boden mit dem Rücken zur Wand und wusste: ich werde niemals Kathrin Weßling sein. Und ich wusste auch: es ist vorbei.

Ich war nur noch schwer, für sie. Ein Kontakt, übrig geblieben aus der Vergangenheit, die sie abstreifte und den sie mit sich rumschleifte, notgedrungen. Anstandshalber. Was weiß ich. Es passte nicht mehr. Ihr neues Leben in ihrer neuen Stadt mit ihrer neuen Aufgabe und ihren neuen Freundinnen. Weil: ich war einfach die Alte. Nichts hatte sich geändert. Sie war mir meilenweit voraus.

Ihre Mails wurden seltener, ihre Gedanken fehlten mir. Ihre Stimme auch. Aber die Stimme sagte mir nichts mehr. Nichts außer: du kannst nichts. Auf allen Ebenen. Danke für den Hinweis, hätte ich allein gar nicht bemerkt. Und dann verstand ich, dass alles seine Zeit hat und dass meine Zeit bei ihr abgelaufen war.

Ich war eine Last und das wollte ich nicht mehr  – nicht für sie und nicht für mich. Und ich wollte auch nicht mehr warten. Auf Mails, auf Anrufe, auf irgendwas. Also ließ ich ihre letzte Nachricht unkommentiert. Sie würde nicht mehr in der Pflicht stehen, etwas zu erwidern. Sie war frei, ich war es auch. Manchmal kam ich an ihrer alten Wohnung vorbei. Immer sah ich hoch, zu diesen Fenstern, zu diesen Bäumen. Es fühlte sich süßlich an. Der Hauch der Verwesung. Ich fragte mich oft, ob sie noch weiß, dass es mich gibt. Irgendwo da draußen. Und ich wusste: sie weiß es, aber es ist egal. So egal.

 

 

 

7. Oktober 2017 // How to: funktionieren

Die Frage war, was das Schlimmste ist. Und dann schreibt jemand:

„Das Gefühl, dass das Leben an dir vorbei zieht, und du hast keinen Anteil daran, und es ändert sich nichts, egal wieviel Mühe du dir gibst, und wie sehr du dich danach sehnst. Und du merkst, du wirst älter, und die Dinge rinnen dir zwischen den Fingern hindurch, und am Ende wartet auf dich… eine große, kalte, leere Finsternis, und niemand wird sich an dich erinnern. Höchstens ein klein wenig noch an jenen Freak, für den man dich hielt: Die einen mit Mitleid, die anderen mit Hohn und Verachtung.“

Oh Mann, wie gut man es ausdrücken kann. Und wie gut man es verdrängen kann. Konnte. Wieder wird können müssen. In den letzten Jahren habe ich die Neurodiversität zur Seite geschoben, ignoriert, nicht groß drüber nachgedacht und mich erst recht nicht damit beschäftigt – wozu auch? Sie wird ja nicht weggehen. Aber jetzt, wo mir wieder die elementarsten Dinge  – essen, schlafen –  Schwierigkeiten machen und wo ich nicht auf Schlaftabletten zurückgreifen kann, weil ich damit im Schichtdienst nicht funktioniere, wo ich doch so dringend irgendwie funktionieren muss und nachdem die Zugmannsache so schief ging und es mein Fehler gewesen sein muss, bin ich einigermaßen beunruhigt. Vor ein paar Jahren hätte ich überzeugt geleugnet, dass da eine Wand ist, zwischen mir und dem Rest. Aber in den letzten Monaten sehe ich sie immer deutlicher, so als würde sie wachsen. Und ich würde sie gerne einreißen, aber ich weiß nicht wie. Auch dafür brauche ich eine Lösung, wie für so vieles.

22. September 2017 // Der Garten ohne dich

Der Garten ohne dich. Ich habe nie verstanden, was du an französischen Gärten mochtest – und das, obwohl ich doch die bin, der Symmetrie so wichtig ist. Aber an diesem Abend, auf der Herzbank zwischen dem Efeu, wo du oft saßt, wir aber nie zusammen, da verstehe ich es plötzlich. Es ist schön. Unendlich schön. In der Ferne höre ich W. und E. reden. Ob noch alte Bilder da sind, aus der Zeit in M., die man verkaufen könnte. Achtzehntausend Euro als Festpreis. Ich fall‘ für einen Moment aus der Welt. Wir waren ja nicht die besten Freundinnen, aber ich würde nie deine Bilder verkaufen. Die letzten Erinnerungen an deiner Hände Werk. Und außerdem: du warst technisch brilliant, aber eine fünfstellige Summe ist utopisch. Wie kommen die jetzt, einen Abend bevor wir dich der Erde übergeben, auf solche Utopien? Ein paar Sekunden später check‘ ich, dass es nicht um deine Bilder geht. Dem Himmel sei Dank. Die Sonne geht unter, das Zirpen der Grillen geht auf. Ich sehe deine Lieblingsmenschen vom Esszimmer in die Küche gehen und wieder zurück und hin und her und ich sitze da, wo du immer saßt. Allein. Und ich frage mich, ob du einsam warst. Und ich bin traurig, weil du dich nicht sehen konntest. In deinem lang ersehnten Kleid, mit dem Tuch und dem neuen Ring. Und rundherum Blumen aus deinem Garten. Alle, die dich sahen, sagten, dass du wunderschön aussahst. Dass jede Falte, jede Anstrengung aus deinem Gesicht gewichen war. Dass man selten so etwas schönes, friedliches sah. Die Jungs schmückten dich mit deinen alten Ketten und mit einer Feder. Du hättest dich sehen sollen. Du warst wunderschön. Am nächsten Morgen sehe ich, dass auf deinem großen Kranz „Gute Reise“ steht. Ich kipp‘ fast um, so makaber finde ich es in der ersten Sekunde. Danach gefällt es mir außerordentlich. Ich würde so gerne wissen, ob es das gibt. Eine Reise nach dem letzten Atemzug. Und wenn ja, wohin? In den Himmel? Ins Totenreich? Nur zum Kompost? Die Hospizschwester fragte dich: „Wissen Sie eigentlich in welch schwerer Lage Sie sind?“ Stille. Und du: „Schwer ist relativ.“ Einer deiner stärksten Sätze. Danke für alles. Danke.

20. September 2017 // Das rote Kleid

Ich sehe uns noch, es ist nur wenige Wochen her. Dort in diesem weißen Zimmer, 3. Station. Ich zeige ihr den Katalog, wir blättern durch die neue Kollektion. Ich sage, dass das rote Kleid fantastisch wäre und dass ich sie noch nie in einem Kleid sah. In all den Jahren nicht. Sie ist Feuer und Flamme und plötzlich sonderbar wach. Wir beschließen, dass das ihr Geburtstagsgeschenk werden soll. Ein Kleid namens Krita. Ich sage, dass das Rot zu ihren blauen Augen passen wird. Später erfahre ich, dass sie in den Tagen danach Freunden und sogar den Krankenschwestern das Bild gezeigt und gefragt hat, ob ihr das stehen wird. E. sagte, sie würde nur noch von diesem Kleid reden. Sie wird es tragen. Aber nicht übermorgen an ihrem Geburtstag, sondern einen Morgen danach auf ihrer Beerdigung. Zusammen mit dem Tuch, dass ich ihr vor zwei Wochen schenkte. Die Jungs haben sogar noch einen Ring aufgetrieben, der dem, den sie die letzten dreißig Jahre trug und den ihr jemand im Krankenhaus stahl, sehr ähnlich sieht. Es muss ein komisches Gefühl sein, einen Ring für eine Tote zu kaufen. Unsere letzten Geschenke im Sarg.

19. September 2017 // gone

L1 ist tot.