Notizen

26. April 2017 // Reim dich oder ich erschieß‘ dich

Abschließen reimt sich auf abschießen –  kommt mir plötzlich in den Sinn. Und dann stehe ich da [nachts, Bahnhof, Dortmund] und lache das dümmste Lachen der Welt. Vielleicht sollte man mit allem abschließen und alle abschießen. Oh Hirn, was ist nur mit dir los? [Wobei der erste Teil vielleicht gar nicht mal so dumm ist. Vielleicht ist der sogar ganz weise. Alles neu macht der Mai und so. Ist ja bald Mai. Der Countdown – für was auch immer – läuft.]

24. April 2017 // Notizen

Im Zug: eine Horde von Teenagern unterhält sich über die verschiedenen Schulen in der Stadt. Ich höre auf zu lesen und höre ihnen stattdessen zu. Nach einiger Zeit kommen sie tatsächlich auf meine alte Schule zu sprechen und darauf, was da gerade so los ist. Jemand hat im Unterricht Rasierklingen geschluckt, der Notarzt musste kommen. Nazis und Migranten sind in einer Massenschlägerei aufeinander losgegangen und ein älterer Mann betrat mit einer Waffe die Schule – was dazu führte, dass sich hunderte Schüler in der Turnhalle verschanzt haben. Wie sich später rausstellte, war die Waffe nur ein Kamm. Ich kann nur den Kopf schütteln. Irgendwie dachte ich, dass sich bestimmt etwas verändert hätte, aber – die Leute schlucken immer noch Rasierklingen im Unterricht und man schließt sich auch im Jahr 2017 noch in der stinkenden Turnhalle ein. Nichts hat sich verändert, auch nach über zehn Jahren nicht. Always stays the same, nothing ever changes, English summer rain seems to last for ages. 

Im Supermarkt: ein junger Typ, Malergeselle, kauft mit seinen Großeltern ein. Unfassbar geduldig schiebt er den Wagen und bleibt alle paar Meter vor allen möglichen Produkten stehen und hört den beiden Alten zu. Der Malergeselle war das Highlight der Woche. Manchmal ist Sachsen Anhalt doch besser als Istanbul.

Im Briefkasten: zwei Karten. Mit jeweils einem Satz. Satz 1: „Du bist mein Stern, du bist meine Sonne.“ Satz 2: „Ich denk‘ an dich.“ Ich denk‘ an dich klingt in meinen Ohren wie eine Drohung. Bitte nicht. Bitte lass es nicht das sein, was es eventuell bedeuten könnte. Ich möchte nicht Sonne oder Stern für den falschen Menschen sein. Und ich will auch nicht mehr die falschen Menschen zu meinen Himmelskörpern machen. Ich will, dass es einfach passt. Einfach mal jemanden treffen, mit dem es leicht ist. Unkompliziert. Eine zweite Hälfte ohne Drama.

 

 

 

 

12. April 2017 // Die Gewinner stehen jetzt schon fest. Der Verlierer auch.

Neue Frage: ob ich nicht in der letzten Maiwoche Zeit hätte, da könnten wir uns dann … lalala … in Istanbul treffen. Ist ja so ein schön neutraler Ort, weil wir da alle nicht wohnen. Gegenvorschlag: wollen wir uns nicht Sonntag in Papua-Neuguinea treffen? Ist so schön neutral da. Oder noch neutraler: wir treffen uns einfach gar nicht mehr. Das wäre doch mal revolutionär. Kopf schreit: gar nicht mehr! Herz fühlt: Istanbul. Und meine imaginäre Katze so: Papua-Neuguinea.

Und während ich noch immer damit beschäftigt bin mir an den Kopf zu fassen, schlägt X. vor, dass ich doch auch für eine Weile bei ihr in London wohnen könnte. Ich erwidere nur: „Wenn du am Freitag nach Istanbul fliegst, dann bring ihm Milka Schokolade mit. Ist seine Lieblingsschokolade. Nicht wegen mir, sondern wegen dem Geschmack.“

M. meinte neulich: „You care too much, but only about others.“ Wie recht er hat. Darüber denke ich mal nach, wenn ich Wände in Sachsen Anhalt anstarre.

 
What we have is everything that you hate
And what I give your hands will forsake
And every word that I say you refuse
In the end you will win
I will lose

11. April 2017 // I see a darkness

Frage: ob ich am Freitag in Istanbul sein könnte. Da könnten wir uns alle treffen. Und reden. Und uns betrinken, an diesem neutralen Ort. Klar. Ich kann mal eben alles stehen und liegen lassen und von dem Geld, welches ich nicht besitze, ein Flugticket kaufen, um dann … ja, um was dann? Um mir leere Phrasen anzuhören und das fünfte Rad am Wagen zu sein? Boah, ich würd‘ so gerne reden, aber irgendwas sagt mir, dass reden sinnlos ist. Dass das immer so weiter gehen wird, vielleicht noch Jahre, wenn man es jetzt nicht bremst. Ich weiß nicht, ob ich diesen Zug noch bremsen kann. Vielleicht sollte ich mich davor schmeißen. Und nachdem ich ein paar Minuten völlig verwirrt, dann völlig wütend und schließlich völlig gerührt war, fiel mir Z. ein. Den hatte ich gar nicht auf dem Schirm, aber: wenn ich schon in so ein Flugzeug nach Istanbul steige, dann für ein eventuelles Wiedersehen mit Z.

Z. ist ja so eine ganz andere Welt und jetzt bin ich froh, dass ich ihm nie von dem Drama erzählt habe. Und ein bisschen traurig, dass er nicht hier blieb. Z. wäre meine einzige Istanbul-Motivation. Und platonisch am Bosporus tanzen. Wobei: es ist jetzt eindeutig nicht der richtige Zeitpunkt ihn wiederzusehen und noch weniger, um zu tanzen. Nicht mit dem Kaputten und X im Schlepptau. Und nicht so, mit meinem komischen Kopf. Insofern: wenn ich Freitag irgendwohin fahre, dann nach Ostdeutschland. Sollen die doch reden und alles klären und sich am Ende in den Armen liegen. Ich starre derweil Wände in Sachsen Anhalt an. Da kann jetzt nur noch einer helfen: Johnny Cash. Denn oh, I see a darkness too.

10. April 2017 // Bis nach Alaska

Es ist mitten in der Nacht und ich bin wach. Ich sollte schlafen, ich sollte früh aufstehen, ich sollte funktionieren. Ich sollte mehr essen und weniger Kaffee trinken. Ich sollte nicht weinen. Was um alles in der Welt geht in einem Menschen vor, der sich ein falsches Leben ausdenkt? Der Monate damit verbringt von Dingen zu berichten, die es nicht gibt und der dann, kurz vor dem Finale, alles beichtet. Vielleicht weil er will, sehr wahrscheinlich aber, weil er muss. Der goldene Palast bricht zusammen und das, was übrig bleibt, ist ungefähr so schmuckvoll wie eine asphaltierte Straße in Brandenburg. Warum hat er das getan? Und was mich noch dringender beschäftigt: hat er seine Lügen geglaubt? Ist er irre? Kann man einem Irren helfen? Ja/Nein. Sollte man/Sollte man nicht. Und sollte ich wütend sein? Wahrscheinlich sollte ich das, aber – er tut mir einfach nur leid. So unfassbar leid. Ich kann förmlich sehen, wie seine traurigen, braunen Augen auf den Boden schauen. Ich würd‘ ihm gern sagen, dass alles gut wird – aber ich weiß nicht, ob es das wird. Vielleicht ist sein Kopf einfach zu komisch, zu kaputt, als dass irgendwann mal irgendwas irgendwie wirklich gut sein könnte. Und mein Kopf tut wahnsinnig weh. Ich hab‘ Kopfschmerzen von hier bis nach Alaska.

 

8. April 2017 // Tja

Letztens las ich:

„Tja“ – a German reaction to the apocalypse, Dawn of the Gods, nuclear war, an alien attack or no bread in the house.

Heute eine Nachricht erhalten. Aus London. Es war alles eine Lüge. Die Freundin, die Verlobung, die geplante Hochzeit. Einfach alles. Es hat eine Weile gedauert, bis das zu mir durchdrang. Ich saß eine Stunde am Boden, starrte das Bügeleisen an und irgendwann begriff ich dann ganz langsam, dass es keine Hochzeit geben wird, weil es keine Verlobung gab, weil es diese Frau nicht gab. Beziehungsweise: es gibt sie schon und das ist der Punkt, der mir echt einen Amboss auf den Kopf schoss. Es ist X. Er redete die ganze Zeit von ihr. Von einer Frau, die verheiratet ist, Kinder hat und die soeben mit ihrem Mann ein Haus gekauft hat. Unklar ist, ob er wirklich glaubte, mit ihr zusammenzusein, weil sein Kopf irgendwie komisch ist, oder ob er nur dachte, dass sie für ihn ihren Mann verlässt und er dann der neue Vater ihrer Kinder ist, sobald er sich ihr offenbart. Tja. X sagt, dass sie mich nicht als Freundin verlieren will, aber dass sie verstehen kann, dass dieser Wahnsinn alles ändert. Ausgerechnet die Person, der ich in der Sache am meisten vertraute und anvertraute ist die Kontrahentin. Und jetzt, wo ich dieses ekelhafte Wort schreibe -Kontrahentin- wird mir irgendwie klarer: es sollte in diesem einen großen Ding, keine Kontrahenten geben. Sobald man darum kämpfen muss, hat man schon verloren. Vielleicht doch ganz gut, dass ich ihm nie sagte, was ich für ihn empfinde. Das würde sich wohl jetzt noch erbärmlicher anfühlen. Tja.

Gestern fiel mir auch wieder ein alter Brief von H. in die Hände. Geschrieben im Jahr 2007. Darin der schöne Satz: „Kannst du mir mal erklären, wie du immer an so komische Männer gerätst?“ Scheinbar hat sich zehn Jahre später nicht viel verändert und scheinbar hatte ich recht, als ich 2017 „Das Jahr der Verrückten“ taufte. Also von mir aus können wir jetzt vorspulen, morgen Silvester feiern und dann mit 2018 beginnen. Wie schrieb ich gestern? Man sollte mehr Illusionen zerreißen. Das tut weh.

Aber jetzt erstmal noch schnell in den Supermarkt. Das Brot ist alle. Tja.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7. April 2017 // Roßlau zerschlagen

Sonntag. Sein Todestag. Und in meinem Kopf: ein bisschen Wahnsinn und ein bisschen mehr Angst. Angst, dass die Uhr tickt. Angst, dass danach nichts mehr kommt, außer dem Kompost. Angst, dass quasi jeder so plötzlich verschwinden kann und man noch mehr ungesagtes mit sich rumschleppt. Ergebnis: Wahn und Angst brachten mich dazu, S. zu schreiben und ihr von Roßlau zu erzählen. Roßlau – das habe ich ja immer mit ihr verbunden, dafür war ich ihr immer im Stillen dankbar.

Mittwoch. Eine Antwort von ihr. Uh. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und mit diesem Inhalt noch weniger. Kein Wort über U. Nicht ein einziges. Stattdessen eine sehr interessante Interpretation meiner Nachricht. Ich wusste nicht, dass man ein schlichtes „Danke“ so derart uminterpretieren kann. Mal davon abgesehen, dass ihre Antwort unfassbar rotzig war, so hat sie dennoch enorme Phantasie bewiesen. Soviel Phantasie hätte ich ja auch gern, das würde sicher einiges erleichtern. Ganz am Rande ließ sie mich aber noch wissen, dass sie Roßlau nicht für mich getan hat. Notiz an mich: ich war über zehn Jahre für eine Sache dankbar, die es nie gab. Vielleicht sollte man schreien, aber mir ist eher nach lachen zumute. Höhö.

Sie ließ mich auch noch wissen, dass sie überaus glücklich ist, heute der Mensch zu sein, der sie ist. Sie ist quasi perfekt. Gedanken in meinem Kopf:

a) Außerirdische haben die schüchterne und bescheidene S. entführt und uns ihr Gegenteil auf Erden gelassen.
b) Menschen können sich dramatisch verändern.
c) Sie war schon immer so, aber ich hab‘ es nicht gemerkt und später verklärt.

Ich schwanke zwischen a und c. In jedem Fall: vielleicht war dieser Sonntagabendwahn das Beste seit Langem. Man sollte mehr Illusionen zerreißen, das trennt das Belanglose vom Wesentlichen. Es tut ein bisschen weh, aber letztendlich ist es ehrlicher.